(DON’T) FIND ME IN MY FIELDS OF GRASS

Text von Kerstin Flasche

…doch gefunden werden möchte sie eigentlich nicht. Ein Raum, unebenes Terrain, schwebende Malereien, Linien, die aus dem Bildraum ausbrechen und einen neuen Raum zeichnen. Formen, die lächeln? Draußen, eine Fotografie, die uns den Weg zu weisen scheint – dahin, wo Marie Athenstaedt wartet? 

Die Fotografie entstand in Kirgistan, einem Bergland, das fast 5000 km Luftlinie von Leipzig entfernt liegt. Zu sehen ist ein Gebirgszug des Tien Shan Gebirges. Von einem erhöhten Standpunkt aus fällt der Blick in ein Gebirgstal. Der Boden des Gesteinsmassivs ist übersät mit abertausenden Steinchen, die einen grau-braunen Teppich aus Geröll zu bilden scheinen. Erst im Tal mischen sich hellgrüne Farbtöne in das grau-braun des trockenen Schotters. Im Tal sucht sich ein Bach zickzackförmig seinen eigenen Weg. Die tiefste Stelle des Tals scheint verdunkelt von einer Wolke, doch diese sehen wir nicht, denn Himmel und Horizont sind nicht im Bild. Stattdessen wird der Blick entlang des Tals gezogen, wo immer neue Bergmassive in Reihe stehen. 

In diesem Sommer durchquerte die Künstlerin einen Teil des Tien Shan Gebirges. Circa drei Wochen waren sie zu zweit unterwegs, davon zwei in den Bergen. Schlafen auf über 3000 Metern, mit Zelt, Selbstverpflegung und Solarpanel, aber ohne Satellitentelefon. In der Tradition der Transitreisen waren Bergwanderungen schon früh Teil der familiären Riten. Jetzt ist es, wie die Künstlerin beschreibt, Abtauchen und Ruhe – Eskapismus – aber auch Zuhören und Lesen. Zuhören – den teils nomadisch lebenden Hirten und Bergbauern, die ihre Wege gekreuzt haben, während sie Schafe, Ziegen, Kühe und Pferde gehütet haben. Lesen – die Wolken, die erklären, ob es sicher ist, weiterzugehen, oder ob die Naturgewalten ungnädig gestimmt sind. Sonne, Schnee, Gewitter, Sturzregen – im Gebirge ändert sich das Wetter rasant, und sie hatten alle Varianten der genannten Wetter. Respektieren, die Kräfte der Natur – und auch die eigenen. Marie Athenstaedt hat gelernt, die Wolken zu interpretieren – ihr Vater ist Bergsteiger.

Ich meine, in den schwebenden Malereien Wolkenschlieren erkennen zu können, düster, sich vielleicht zu einem Gewitter verdichtend, oder grün-gelblich schimmernde Gras-Geröll-Landschaften, fast so trocken wie eine Steppe, oder eisiges, blau-grünliches Bachwasser, dessen Textur sich so schnell verändert, dass es mit bloßem Auge nicht festzuhalten ist – aber malerisch vielleicht ja doch. 

Athenstaedts künstlerische Praxis hat sich über Jahrzehnte hinweg der malerischen Suche nach Naturstrukturen verschrieben. Auf präzise Naturstudien im Stil von Maria Sibylla Merian und Ernst Haeckel, folgte ein Hinabtauchen in die Materie der Natur durch künstlerische Nutzbarmachung technisierter Bildverfahren wie der Mikroskopie, nicht ohne auch die teleskopische Expedition in abstrakte Farbwelten zu wagen, um den Bildraum der Leinwand für die Assoziation mit unendlichen Galaxien, spektakulären Gasnebeln und interstellaren Wolken zu öffnen. 

Hier und heute führt uns Marie Athenstaedt erneut in die Natur, dafür erweitert sie ihre Kunst in den Realraum und lässt ihre Bildfenster im Ausstellungsraum schweben und den sonst angenehm zu begehenden Boden stellenweise zu Geröll werden. 

Doch etwas verhindert den uneingeschränkten Blick auf die malerischen Strukturen:

Ein wiederkehrendes graphisches Element. Diese klar abgegrenzten Formen, die von Athenstaedts sonst eher changierender Malerei klar hervorstechen, tauchen seit circa zwei Jahren in ihrer Malerei auf und bilden eine neue Konstante: vor allem, weil sie immer die gleichen Proportionen, den gleichen Radius und oft sogar von Bild zu Bild die gleichen Größen haben. Hier machen sie sich auf den Weg, wieder eine neu berechnete Größe zu erlangen: als raumgreifende Wandzeichnungen, die segmentrunde Türöffnungen oder Gewölbebögen in den Raum skizzieren. Durchgänge in andere Welten oder Länder, die uns Athenstaedt aufzeichnet? Ich stelle mir vor, wie die Steine auf dem Boden durch diese Öffnungen in den Ausstellungsraum geraten sind, nachdem sie peux a peux immer weiter vom Berghang heruntergerutscht sind. 

Die Form setzt sich aus den geometrischen Grundformen Rechteck und Kreis zusammen. So können sie leicht an Grundrisszeichnungen oder – wie oben beschrieben – an architektonische Bauelemente erinnern. Athenstaedt nennt sie „Bögen“, aber auch „Mund“. Sie können lächeln, aber auch traurig wirken – je nachdem, wie herum die Malerei letztlich hängt. Die Titel der Malereien lauten daher „(no) smile“. Und je nachdem wie viele Münder sie aufweisen, klingen die Titel auch mal forcierender: „(no) smile (6x)“. Ok, ok!

Mir schwant mehr und mehr, wie gefährdet alles ist – gar nicht mal nur unsere ‚Natur‘ – auch unsere eigenen, authentischen Gemütslagen scheinen bedroht. Gute Miene zu einem Spiel zu machen, das zunehmend aus einer Nachrichtenflut besteht (auch über tatsächliche Fluten), in deren gewaltigem Überfluss wir – oder wenigstens ich – oft zu ertrinken drohen, ist erschöpfend. Aus dem Zuviel folgt ein Zuwenig – zu wenig Achtung auf mich selbst, zu wenig Achtung für meine Umgebung – Eskapismus, Fernweh, ist eine Sehnsucht, die ich teile. Aber mir kommt der Gedanke, dass diese Reise, die sich in Athenstaedts raumgreifender Arbeit künstlerisch widerspiegelt, gar keine Flucht aus dieser Welt war, sondern eine Reise mitten in die Welt – in die Lebensrealität eines fernen Landes, bei dem ich erstmal fragen musste, wo das überhaupt liegt. Dort herrschen andere Gesetze, die mehr und mehr auch etwas mit unserem Hier und Jetzt zu tun haben. Zuhören und lesen… 

…Ich habe das Gefühl, auch ich möchte für eine Weile gar nicht gefunden werden.

 

english

 

(DON’T) FIND ME IN MY FIELDS OF GRASS

Text by Kerstin Flasche

…yet she actually does not want to be found. A space, uneven terrain, floating paintings, lines that break out of the picture space and draw a new realm. Are there shapes that smile? Outside, a photograph seems to show us the way—where Marie Athenstaedt awaits?

The photograph was taken in Kyrgyzstan, a mountainous region located almost 5,000 kilometers (about 3,100 miles) away from Leipzig. It captures a mountain range of the Tien Shan mountains. From an elevated vantage point, one looks into a mountain valley. The ground of the rocky massif is strewn with countless pebbles that seem to form a gray-brown carpet of rubble. Only in the valley do light green hues mix with the gray-brown of the dry gravel. In the valley, a stream zigzags its own path. The lowest part of the valley appears darkened by a cloud, though we do not see it, as the sky and horizon are not in the frame. Instead, the view is pulled along the valley, where new mountain massifs line up one after another.

This summer, the artist traversed part of the Tien Shan mountains. For about three weeks, she was accompanied by one other person, spending two of those weeks in the mountains. Sleeping at altitudes over 3,000 meters, camping, self-catering, and using a solar panel, but without a satellite phone. In the tradition of transit journeys, mountain hikes have long been a part of familial rites. Now, as the artist describes it, it is a time of immersion and quiet—escapism—but also listening and reading. Listening—to the partly nomadic shepherds and mountain farmers whose paths they crossed while herding sheep, goats, cows, and horses. Reading—the clouds, which indicate whether it is safe to continue or whether the forces of nature are unforgiving. Sun, snow, thunderstorms, torrential rain—weather in the mountains changes rapidly, and they encountered all variations of the aforementioned weather. Respecting the forces of nature—and also one’s own. Marie Athenstaedt has learned to interpret clouds—her father is a mountaineer.

I believe I can recognize cloud streaks in the floating paintings, dark and perhaps gathering into a storm, or green-yellowish shimmering grass and rubble landscapes, almost as dry as a steppe, or icy blue-green stream water whose texture changes so quickly that it is imperceptible to the naked eye—but perhaps painterly it can be captured.

Athenstaedt’s artistic practice has for decades been devoted to the painterly exploration of natural structures. Following precise nature studies in the style of Maria Sibylla Merian and Ernst Haeckel, she has submerged herself into the material of nature through artistic utilization of technologized imaging techniques such as microscopy, not without daring to venture into telescopic expeditions into abstract color worlds, thereby opening the picture space of the canvas for associations with infinite galaxies, spectacular nebulae, and interstellar clouds.

Here and now, Marie Athenstaedt again leads us into nature; she expands her art into real space and lets her image windows float in the exhibition room, turning the otherwise pleasantly walkable floor into rubble in some areas.

Yet something prevents an unobstructed view of the painterly structures: a recurring graphic element. These distinctly outlined forms, which stand out clearly from Athenstaedt’s otherwise more changeable painting, have emerged in her work over the past two years and form a new constant: notably because they always share the same proportions, the same radius, and often even the same sizes from one painting to the next. Here, they set out to attain a recalibrated size once more: as expansive wall drawings sketching segment-rounded door openings or archways in the space. Passages to other worlds or countries that Athenstaedt conveys to us? I imagine how the stones on the ground have made their way into the exhibition space through these openings after having gradually slid down from the mountainside.

The form consists of the basic geometric shapes of rectangles and circles. Thus, they can easily remind one of floor plans or— as described above—architectural elements. Athenstaedt calls them “arches,” but also “mouths.” They can smile but can also appear sad—depending on which way the painting ultimately hangs. The titles of the paintings are therefore “(no) smile.” And depending on how many mouths they display, the titles can sound even more forceful: “(no) smile (6x).” Okay, okay!

I sense more and more how endangered everything is—not just our ’nature’—even our own authentic states of mind seem threatened. Putting on a good face for a game that increasingly consists of a flood of news (also about actual floods), in which the overwhelming abundance we— or at least I—often seem to be drowning, is exhausting. From the excess follows a deficiency—too little attention

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